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H A N D B U C H   D E S   B E W U S S T WA N D E R N S   O N L I N E

Momentwanderer – manchmal etwas rücksichtslos aber wenigstens ehrlich. 
Und ihr war eben nicht mehr nach Schmusen. Wenn sie geht und dich allein 
lässt,   dann   hast   du   auch   einen   guten   Grund   weiterzuwandern.   Du 
schlenderst   meinetwegen   die   Strasse   runter   zum   Hauptbahnhof   und 
versuchst dabei ganz bewusst alle Details wegzulassen. Mit schweifendem 
Blick suchst du dir einen ruhigen Fleck. 
Das große dunkle Bahnhofsdach bietet sich an und ungefähr dahin heftest 
du deinen Blick und versuchst den Gesamteindruck der Häuserfronten zu 
erfassen, nur die groben Linienzüge. Das macht dir eine gute emotional-
assoziative Stimmung, ist etwas Neues und du genießt diese Dimension der 
Vielfalt. Oben der Himmel und dann die zwei Häuserfluchten bis vor zum 
Bahnhof.  Das   soll  also  ein  Stück Weg  sein.  Ein  Stück Weg  durch  die 
Vielfalt. Millionen kleine Dinge, Menschen und Autos, Tauben, Gerüche 
und  Geräusche  und...  alles   irgendwo  vor  dir  und  um  dich  herum.  Das 
kennst du ja eigentlich schon fast alles – fällt dir da gerade ein: „In den 
letzten Jahren kam alles irgendwann mal dran. Tiere im Zoo, Zahlen in der 
Schule und Sportarten habe ich auch schon bestimmt fünf ausprobiert und 
die   Männer   kenne   ich   auch   mittlerweile.   Kinder...   wundervolle 
Momentindianer... Also, eigentlich kenn ich mich aus... (und dabei siehst du 
die Bahnhofsuhr) ...na alter Schwede die Dreiviertelstunde ist schon weg!“ 
Du drehst dich um und läufst nach Hause, siehst im Vorbeigehen in die 
Ladenfenster   von   X&Y   und   im   Augenwinkel   flüchtig   die   Beine   der 
Schaufensterpuppen.   Eine   schlechte   emotional-assoziative   Stimmung 
kriecht gerade von deiner Schaltzentrale in die Halsgegend, wo sie sich 
kloßartig bemerkbar macht und du denkst an die olivgrünen Schuhe von 
deinem   Fr...   doch   da   kommt   die   Reisetheke   mit   all   den   bunten 
Urlaubsangeboten »vorbei« und dein Nervensystem zaubert dir noch einen 
bittersüßen, emotional-assoziativen Gedanken auf die Herzgegend. Der ist 
dir bekannt:  Die kleine Tochter der Sehnsucht nach Freiheit... Fernweh. Im 
Vorbeilaufen   wird   dir   bewusst,   dass   Fernweh   eigentlich   kein   direkt 
schlechter emotional-assoziativer Gedanken ist, besser jedenfalls als die 
»emotional-assoziative   Kloßhalsgeschichte«   vorher.   Und   man   soll   ja 
seinem   Herzen   folgen   und   seinen   besseren   emotional-assoziativen 
Gedanken. 
Heut’ Abend gehst du jedenfalls mit Bärbel-Börne im Wohnzimmer tanzen 
und  spielen,  das Töchterchen ist  auf  Klassenfahrt an  der  See und dein 
Freund kommt erst in zwei Tagen von seiner Geschäftsreise zurück. Tanzen 
-   das   wird   eine   Erlebniswanderung   vom  feinsten   und   du   nimmst   die 
Türklinke   in   die   Hand...   du   hörst   das   Geräusch   der   Tür...   und   dich 
sprechen: „  Ach  du lieber  Himmel! Wieder  kein einziger, klitzekleiner, 
bewusster Weiterwanderzyklus!“

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